Gelesen: Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer


Literatur / Dienstag, April 30th, 2019

Werbung, unbeauftragt / Dieser Monat war ein absolutes Lesehighlight. Und es ist erst April. Karen Duves „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ hat mich begeistert. Der Roman ist aber auch wie gemacht für eine Germanistin. Im Mittelpunkt steht immerhin die bedeutenste deutschsprachige Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts – Annette von Droste-Hülshoff.

Leider geht es eigentlich nur am Rande um ihr Dasein als Dichterin, da der Roman von ihren Jugendjahren handelt. Erziehungsziel für junge Damen Anfang des 19. Jahrhunderts war es, „sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln.“ (Seite 19) Die gesamte Handlung steuert auf den Sommer 1820 zu, in dem eine Liebesintrige um Fräulein Nette gesponnen wurde.

Karen Duve schafft dabei ein umfassendes Bild der Zeit. Die Brüder Grimm, Heinrich Heine und Hoffmann von Fallersleben sind nur ein paar der bekannteren Namen, die im Roman eine Rolle spielen. Kurz nach dem Sieg über Napoleon fühlt sich eine Gruppe junger Studenten um Annettes Onkel August von Haxthausen für die Wahrung der „Schätze des Altdeutschen“ (Seite 100) verantwortlich. Wenige Jahre später spitzt sich die Situation in den Burschenschaften zu. „Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammt, muss nach der Revolution ins Exil. […] eigentlich geht es ihnen bloß darum, alles Fremde hassen zu dürfen.“ (S. 541)

Die beginnende Industrialisierung und die Entstehung der Leistungsgesellschaft gehen vor allem Annettes Großvater gegen den Strich. Der Adel verharrt in den alten Traditionen, schreckt zurück vor der „Erschütterung der althergebrachten Ordnung! [vor dem] Verrat an allem Bestehenden!“ (S. 315)

So stellt Karen Duve nicht nur die damalige Entwicklung anhand der Großfamilie um Annette von Droste-Hülshoff eindrucksvoll dar, sondern schafft auch Parallelen zu der gegenwärtigen Situation des Fremdenhasses und der Angst vor Veränderung und Statusverlust.

Die Stellung der Frau wird durch Annettes untypische, „männliche“ Leidenschaften immer wieder sichtbar. Ich habe mit ihr gelitten – missverstanden, unterschätzt, gar verachtet. An diesen Stellen des Romans wird klar, wie weit die Emanzipation doch schon vorangeschritten ist. Wie weit die Heldin ihrer Zeit voraus war. Und eben auch wieder nicht. Der Fortgang der Geschichte nach den Ereignissen in diesem kurzen Sommer 1820 macht das offensichtlich. Annette ist gefangen in den Konventionen von Kirche und Gesellschaft. Sie ist Opfer ihrer Zeit. Die Weiterentwicklung ihrer – damals zum Teil noch verkannten – beeindruckenden Begabung als Dichterin lässt der Roman weitestgehend unerwähnt. Diese ist aber natürlich auch nachlesbar in zahlreicher Sekundärliteratur. Nur ihr bürgerlicher Verehrer Straube, weiß „Der Name [Annette von Droste-Hülshoff] wird auch noch landauf, landab gerühmt werden, wenn wir längst tot und vergessen sind.“ (S. 387)

Karen Duve hat einen intelligenten, unterhaltsamen Roman geschrieben, der unbedingt lesenswert ist.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer, Galiani,
ISBN 978-3-86971-138-6

Karen Duve Fräulein Nettes kurzer Sommer
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4 Replies to “Gelesen: Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer”

  1. Hallo Anja

    „Hörst du das Alphorn überm blauen See? So klar die Luft, mich dünkt, ich seh‘ den Hirten heimzügeln von der duftbesäumten Höh –
    War’s nicht, als ob die Rinderglocken schwirrten?
    Dort wo die Schlucht in das Gestein sich drängt – mich dünkt, ich seh‘ den kecken Jäger schleichen;
    Wenn eine Gemse an der Klippe hängt, gewiss, mein Auge müsste sie erreichen.“
    (Anette von Droste – Hülshoff, Die schönsten Gedichte, ausgewählt von Werner Fritsch, Insel Verlag, 2. Aufl. 2014, S. 50)

    Diese Begabung ist in Droste – Hülshoffs Gedichten sehr zu spüren. Im November 2016 habe ich einen Gedichteband gekauft. Natürlich im von mir nur 58km entfernten Meersburg. In den von Ihr einst bewohnten Räumen der Burg zu stehen und den Blick über den See durch kleine Fenster geboten zu bekommen, ist recht beeindruckend…Ich mag ihre Art, wie Sie den Blick über den Bodensee hinüber zu den Alpen beschreibt, ein Gedicht über die Jagd ist ebenso eindrücklich verfasst.

    Durch Deinen Bericht bekomme ich doch glatt Laune, mit meinem Mann mal wieder durch die Meersburg zu wandeln und von mittelalterlichen Zeiten zu schwärmen, in denen nicht alles schrecklich war, sondern, so scheint es, sehr romantisch.

    Viele Grüsse aus der Schweiz!

    Anja P.

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