Gelesen: Juli Zeh: Neujahr


Literatur / Sonntag, Dezember 8th, 2019

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist schwer umzusetzen. Das wissen alle mit kleinen (oder größeren) Kindern. Oft ist man mit den Gedanken bei der jeweils anderen Sache. Wenn man mit den Kindern spielt, denkt man über ein Projekt auf der Arbeit nach. Am Schreibtisch im Büro sorgt man sich um das verschnupfte Kind, das man trotzdem in die Kita gebracht hat. Das alles bereitet einem noch mehr Stress als man schon „normal“ hat. Auch Henning im Roman „Neujahr“ von Juli Zeh ist hin und her gerissen zwischen Familie und Job.

Oft assoziiert man ja mit Vereinbarkeit von Kind und Karriere die Frau als die Zerrissene. In dem Roman von Juli Zeh ist allerdings der Vater der Protagonist. Henning und seine Frau Theresa haben zwei Kinder, Bibi und Jonas, zwei und vier Jahre alt. Beide Elternteile sind berufstätig und sie teilen sich die Betreuung der Kinder. Da Theresa beruflich allerdings erfolgreicher ist, übernimmt Henning mehr Hausarbeit. Er fühlt sich jedoch häufig unter Druck, da er Deadlines nicht einhalten kann, auf Meetings nicht gut vorbereitet ist, andererseits die Kinder bei Wehwechen trotzdem den Trost der Mutter suchen und nicht seinen. In letzter Zeit befallen ihn immer häufiger Panikattacken. Er fühlt sich überfordert.

Über all das denkt er während einer Fahrradtour in das 450 Meter hohe Bergdorf Femés auf der Insel Lanzarote am Neujahrstag nach. Er ist geflüchtet vor seiner Familie, um im Urlaub auch mal etwas für sich zu tun. Aber er hat sich mit der Tour heillos überschätzt und die Panikattacken drohen ihn immer wieder zu überrollen. Völlig erschöpft erreicht er trotz allem den Gipfel.

Oben angekommen, erkennt er plötzlich, dass er als Kind schon einmal an diesem Ort war und traumatisches erlebte. Der Roman wird zum Krimi. Spannend beschreibt Zeh ein Ereignis aus Hennings Kindheit, das ihn bis in die Gegenwart verfolgt.

Diese Zweiteilung des Romans – den Gipfel des Bergs erreicht Henning genau zur Hälfte – macht aus ihm Psychothriller und Gesellschaftsanalyse zugleich.

Vieles von Hennings Ängsten und der Überforderung konnte ich sehr gut nachvollziehen. Anschaulich und glaubhaft erzählt Juli Zeh von den Problemen moderner Familien. Den zweiten Teil des Buches musste ich in einem Rutsch durchlesen. Obwohl man das Ende ja sogar schon kennt – Henning sitzt schließlich Jahre später auf dem Fahrrad, um den Berg zu bezwingen – schafft es die Autorin, die Spannung unerträglich werden zu lassen. Am Ende zieht Henning aus der Kindheitsepisode Schlüsse und Konsequenzen für die Gegenwart, die einen Teil der Last von seinen Schultern nehmen.

Juli Zeh: Neujahr. Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87572-9

Juli Zeh Neujahr
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